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Trauma, Trauma-Coping und Posttraumatische Belastungsstörung: Theorie und Therapeutische Ansätze – Part Three

 
Tonbandabschrift des Further Fortbildungstages "Schwere Traumatisierungen — wie bewältigen?" vom 07. Oktober 1998

Internet-Quelle: http://www.fachklinik-furth.de/sachs.htm

Welche Tradition gibt es in der Behandlung von Traumata?

Seit Janet und seit den ersten Arbeiten zur Behandlung von Kriegsneurosen taucht immer wieder die Idee auf, das Trauma müsse noch einmal durchlebt und dabei abreagiert werden; danach sei es nicht mehr innerseelisch schädlich, dann kann jemand nicht mehr getriggert werden. Das hat zu ersten Versuchen geführt, die darin bestanden zu sagen: So schnell wie möglich, so heftig wie möglich, so intensiv wie möglich, alles raus, wiedererleben, wiedererleben, wiedererleben, durch! Das war der Katharsisgedanke , der Reinigungsgedanke. Das ist oft in Selbsthilfegruppen versucht worden, aber auch mit der Methode des Flooding, der Reizüberflutung, jedenfalls bei den Anfangsversuchen mit der Reizüberflutung, heute macht man das auch anders. Das hilft bei etwa der Hälfte, die andere Hälfte wird immer kränker.

Bald hat man angefangen zu sagen: Intrusionen und Flashbacks überfordern und überlasten den Betroffenen. Wenn wir also bewußt intrusive Zustände herstellen, wenn wir bewußt jemanden in die traumatische Situation hineinführen, wieso sollte das dann anders sein? Intrusionen und Flashbacks sind immer wieder Retraumatisierungen, man hat das Gefühl, man hat die Sache nicht unter Kontrolle, und bei dieser Art von Psychotherapie tun wir genau das Gleiche! Es muß also anders gehen. Daraus hat sich dann aus der Hypnotherapie eine Tradition entwickelt, hauptsächlich bei den Holländern, die darin besteht zu sagen: Wir müssen die Traumaexposition vorbereiten. Diese Vorbereitung besteht darin, daß gesagt wird: Die Copingstrategien der Patienten sind gut, etwas besseres fällt mir als Therapeuten auch nicht ein als eben das, was der Patientin eingefallen ist (Ich spreche überwiegend von Patientinnen, weil wir in Göttingen auf der Station nur mit Frauen arbeiten.) Wir machen das, was die Patientin selbst entwickelt hat, wir trainieren sie aber, das noch besser zu machen.

Was macht die Patientin? Jede gute Borderline-Patientin spaltet in "nur gut" und "nur böse". Eine solche Aufspaltung der Welt in "nur gut" und "nur böse" ist das Beste, was nach einer Traumatisierung gemacht werden kann! Das spielt in allen Märchen eine Rolle: Die Mutter stirbt, die Stiefmutter kommt, und es gibt eine frühere nur gute und eine spätere nur schlechte Welt. Das ist in allen Mythen der Fall, da gibt es die nur Guten und die nur Bösen. Das schafft Ordnung in den Affekten, das ist etwas, was wir offenkundig nach schlimmen Lebenserfahrungen brauchen, eine nur gute und eine nur schlechte Welt. Das Dilemma, in dem wir gegenwärtig stecken, ist, daß wir glauben, die äußere Welt, die real existierenden Menschen könnten diesem Schema irgendwie entsprechen - und das ist nun etwas, was leider nicht stimmt. Menschen sind immer "teils-teils", widersprüchlich, gegensätzlich, haben ihre eigenen Interessen, sind nie "nur gut". Wenn wir dann sagen: "Dann sind sie eben nur schlecht", dann sind die Beziehungen zu Ende und man hat überhaupt keine leidlich guten zwischenmenschlichen Beziehungen mehr.

Das bedeutet: Die Therapiestrategie, die wir von den Holländern übernommen und etwas weiterentwickelt haben, beinhaltet: Entwickeln Sie eine Borderline-Struktur, aber bitte in sich und nicht in den zwischenmenschlichen Beziehungen! Das bedeutet: Wir legen keinen Wert darauf, daß diese Mechanismen in der therapeutischen Beziehung an uns abgehandelt werden, und wir legen schon gar keinen Wert darauf, daß sich in der therapeutischen Beziehung irgendetwas von dem Trauma reinszeniert. Ich möchte vielmehr, daß das innerseelisch abläuft. Mein Ziel ist es, daß das Gehirn seine Sachen wieder verträumen, kann und dabei unterstütze ich die Patientin.

Erster Schritt: Spaltung. Was hat die Patientin? Die Patientin hat schlechte Bilder, Intrusionen. Was braucht sie? Gute Bilder, ganz einfach, ganz platt, ganz vordergründig. Traumazentrierte Psychotherapie ist ausgesprochen simpel, ausgesprochen oberflächlich. Die Patientin braucht gute Bilder. Die Patientin sagt: "Solche Bilder kann ich mir nicht vorstellen". Das glaube ich dann erstmal wiederum nicht; daß sich jemand für 3 bis 5 Minuten nicht vorstellen kann, es sei schön, das nehme ich ihr nicht ab. Da halte ich dagegen und sage:" Es kann sein, daß das zunächst mal nur eine Minute geht oder 2 Minuten, aber daß Sie eine Vorstellung entwickeln können von "nur schön", das erwarte ich von Ihnen, das geht, das kann man auch. D. h. nicht, daß damit alles Schlechte weg ist, sondern es heißt: für 5 Minuten möchte ich, daß Sie Urlaub machen, Urlaub von der Gegenwart, von der Wirklichkeit - wie bei der progressiven Muskelrelaxation oder beim autogenen Training -, und in eine nur gute Welt gehen." In dieser nur guten Welt soll folgendes vorkommen, was in der Borderline-Struktur auch vorkommt: Es soll einen Ort geben, der nur gut und nur sicher ist. "An diesem Ort sind Sie ganz alleine, kein anderes menschliches Wesen ist da". Die Vorstellungswelt soll immer märchenhaft sein, immer unrealistisch, immer weg von menschlichen Vorstellungen. Es soll dort auch keinen guten Menschen aus der Vergangenheit geben. Wenn das z.B. Opa wäre, dann könnte bei einem Familientreffen jemand sagen:"Ach der Großvater in seiner Jugend, wenn Ihr wüßtet, wie der damals...", und schon ist eine nur gute Gestalt schlecht geworden. Das ist nicht sinnvoll. Die Vorstellungen sollen märchenhaft, mythisch sein. Es erscheint uns wichtig, daß diese Erwartungen nicht an reale Menschen gerichtet werden, wir werden dann immer enttäuscht. Also ein nur guter sicherer Ort, wo man sich alleine völlig sicher und geborgen fühlt. Wenn eine Patientin sagt:"Immer wenn ich an meinem sicheren Ort bin, fängt es an zu regnen.", dann sage ich: "Fühlen Sie sich damit wohl ? Es kann ja sein, daß das ein schöner warmer Regen ist." " Nein", meint die Patientin, "es ist immer so kalt." "Gut", sage ich, "dann stellen Sie sich bitte vor, daß es nicht regnet." Es geht mir nicht um Material, es geht mir nicht darum, daß irgendwie etwas dynamisch verstanden wird. Ich frage mich also nicht: "Wie kann es denn sein, daß da immer Regen kommt?", sondern ich sage: "Bitte trainieren Sie sich in nur schönen Bildern!", nichts anderes.

Das zweite ist: Innere Helfer,d.h. Gestalten für Mut, für Stärke, für Weisheit. Das können Tiere sein, das können Feen sein, das können Zauberer sein, das können Heilige sein, das können Steine sein, wie auch immer, aber wiederum keine Menschen.

Und dann ein innerer Tresor, in den schlimme Erfahrungen und Bilder weggepackt und eingeschlossen werden können. Manchmal muß man das mehrfach täglich tun, es ist aktive innere Verdrängung, ein aktives Bei-Seite-packen, um nicht zu viel in Flashbacks und Intrusionen hineinzukommen.

Die Patientin sagt: "Schöne Bilder helfen mir nicht." Dann sage ich: "Sie haben mir gerade lang und breit erläutert, daß Sie irgendwelche schlimmen Bilder von Sachen, die 15 Jahre zurückliegen, völlig aus der Bahn werfen können, daß Sie dann die Symptome kriegen und es Ihnen schlecht geht. Schlechte Bilder wirken bei Ihnen, ich bin sicher, gute wirken auch. Außerdem gibt es einen ganzen Industriezweig, der fest davon überzeugt ist, daß gute Bilder wirken, das ist die Werbung; die geben Millionen dafür aus, daß Sie schöne Bilder vor Augen haben und dann Marlboro rauchen oder Camel-Schuhe tragen. Das bedeutet, gute Bilder sind wirksam. Davon bin ich überzeugt, und ich möchte, daß Sie darin sich trainieren, gute Welten aufzusuchen. Lernen Sie zu derealisieren, lernen Sie zu dissoziieren, trainieren Sie sich in den Fähigkeiten, die Sie sowieso schon haben!"

Für uns ist es inzwischen fast ein Differenzialdiagnostikum, ob jemand mit diesen Techniken gut umgehen kann oder nicht. Wenn ja, ist es meistens jemand, der/dem Dissoziativität vertraut ist, die/der wirklich eine dissoziative Störung hat. Wenn nein, ist es häufig kein postraumatischer Belastungszustand mit Dissoziativität, sondern Resultat einer Entwicklungspathologie mit neurotischen Mechanismen. Diese Patientengruppe sagt: "Das ist nichts für mich, das kann ich nicht, das will ich nicht, das hilft mir nicht, das ist nicht mein Weg!", und sie haben auch recht. Ich stelle Ihnen hier keine Therapiestrategie vor, die nun bei jedem und allen nützt, sondern die für eine Untergruppe schwerer Persönlichkeitsstörungen entwickelt worden ist. Da ist sie sehr wirksam, aber nicht bei jedem und allen.

Das gleiche gilt im Umgang mit Depersonalisation und Körperflashbacks. Hier sind körpertherapeutische Anwendungen gut, wobei sich für uns am meisten Qui Gong und Feldenkrais bewährt haben. Warum? Qui Gong bedeutet ähnlich wie Tai Chi achtsame Wahrnehmung des Körpers mit Atmung, Bewegung, Muskulatur, Haut, Erdung und so weiter, und es geht dabei nicht darum, fest zu stellen, wie ich mich fühle, sondern es geht darum, daß ich mich darauf konzentriere, die Brokatübungen zu machen und dabei Luft zu holen und fest zu stehen. Niemand muß an Qui Gong glauben, das ist nicht erforderlich, es reicht völlig aus, wenn man die Übungen macht. Jeder Tag auf Station beginnt mit Qui Gong-Übungen, um ein Gegenkörpergefühl aufzubauen. Außerdem hat Qui Gong und Feldenkrais nichts zu tun mit Aerobic, mit Claudia Schiffer oder Cindy Crawford oder mit aggressiver Sexualität, es ist vielmehr eine relativ triggerarme bis triggerfreie Form der Körpertherapie. Feldenkrais hat ebenso wenig etwas zu tun mit Spüren, mit Fühlen, sondern es geht darum: "Warum halten Sie das linke Knie immer etwas anders als das rechte" und "Versuchen Sie doch mal, wie das ist, wenn die Füsse so richtig platt auf dem Boden stehen" oder "Wenn Sie den Kopf nicht so halten, sondern vielleicht so, wie wirkt sich das denn auf die Wirbelsäule aus". Sehr funktionell also. Das wird von den Patientinnen oft gut angenommen; es sind beides Verfahren, die sich bei uns sehr gut bewährt haben. Ich weiß von anderen Kliniken, die mit KBT, also Konzentrativer Bewegungstherapie gute Erfahrungen gemacht haben, mit den Abgrenzübungen bitte, nicht mit den mobilisierenden! Es geht nicht darum zu mobilisieren, sondern es geht darum, eine nur gute Welt aufzubauen, die die Patientin vorübergehend aufsuchen kann, um sich selber aus dissoziativen Zuständen heraus zu bringen.

Das zweite, womit wir die Patientinnen unterstützen, um aus dissoziativen Zuständen heraus zu kommen, ist, daß wir mit den Patientinnen die Bildschirmrücklauftechnik eintrainieren. Wenn eine Patientin vor mir steht, den Kopf gegen die Wand schlägt und nicht sagen kann, was Sache ist, sondern ich den Eindruck habe, daß sie im falschen Film ist, dann würde ich versuchen, sie anzusprechen und zu sagen: "Ich habe den Eindruck, bei Ihnen läuft ein Film ab." Meistens kommt dann irgendein Signal, daß das stimmt. "Lassen Sie diesen Film bitte hier auf meiner Handfläche ablaufen, hier ist die Leinwand, schauen Sie! Kopf hoch, nicht nach unten schauen, hier ist die Leinwand, lassen Sie den Film ablaufen! Sie haben eine Fernbedienung in der Hand und Sie drücken auf die Stoptaste, jetzt! Der Film hält an, bitte Film anhalten, auf Standbild. Jetzt schauen Sie sich das Standbild erstmal an. Machen Sie das Bild größer, machen Sie es kleiner, verändern Sie das Bild! Sie können auf das Bild Einfluß nehmen. Nicht weiterlaufen lassen, nicht nach unten schauen, ja nicht dieser Tunnelblick, Kopf hoch! Und jetzt schalten Sie, wenn das Bild so ist, daß Sie es ertragen können, auf den Rückwärtslaufknopf und lassen den Film zurücklaufen und schauen dabei den Film ganz genau an. Drücken Sie auf Rückwärtslauf jetzt - und den Film zurücklaufen lassen, Kopf oben lassen, ganz genau hinschauen, der Film bekommt dabei so etwas Abgehacktes. Schauen Sie sich die Szene ganz genau an, lassen Sie sie zurücklaufen, weiter zurücklaufen, bis zum Anfang, ganz zurücklaufen, nicht irgendwo zwischendurch aufhören und noch weiter bis zum Anfang und abschalten -jetzt! Jetzt packen Sie dieses Video bitte in einen inneren Tresor beiseite" und dann kommt ein Ortswechsel, Lagewechsel, Themenwechsel: "Was meinen Sie, sollen wir nicht mal aus dem Zimmer rausgehen, ein bißchen an die frische Luft?", die klassische Intervention der Nachtschwester: "Wollen wir mal eine rauchen?" Also Ortswechsel, Themenwechsel, Lagewechsel, andere Umgebung! Nicht über den Inhalt sprechen, höchstens noch sagen: "Ich habe den Eindruck, da ist irgendetwas abgelaufen, worüber nochmal gesprochen werden sollte, aber nicht heute Nacht um 02.00 Uhr. Das wäre unfunktional und schlecht, das will auch vorbereitet sein, dem werden wir uns noch widmen. Bitte packen Sie das jetzt mal weg."

Die Schwestern bei uns haben eine Liste der Themen, auf die die Pat. ansprechen. Eine Pat. z.B. war Borussia-Dortmund-Fan. In der Zeit, in der sie bei uns in Behandlung war, wußten die Schwestern immer alle sehr gut über den aktuellen Tabellenstand, über die Form von Andi Möller, über den Einsatz von Möller in der Nationalmannschaft und sowas Bescheid. Wenn man die Pat. aus der Dissoziation herausgeholt hatte und dann mit ihr über Borussia sprach, dann war die erstmal eine bis Stunde beschäftigt. Dabei konnte man dann einen Tee trinken, eine Zigarette rauchen, konnte sich unterhalten, konnte dann fragen, wie ist es, "Wollen sie wieder auf Ihr Zimmer gehen, meinen Sie, Sie können jetzt nochmal versuchen zu schlafen, oder wollen Sie einfach sich ein Bett auf dem Flur machen, damit ich Sie so etwas im Blick habe?" "Ja, ich glaube, ich mache mir mal ein Flurbett, dann haben Sie mich mehr im Blick und dann ist das besser so."

Es gibt noch eine weitere Technik, wieder aus der Hypnotherapie, die man anwenden kann, wenn jemand sehr in seiner Welt drin ist: Man versucht erstmal mit Pacing und Leading die oft stereotype Bewegung der Patientin aufzunehmen. Ich knalle natürlich nicht mit dem Kopf gegen die Wand, das mache ich nicht, aber ich nehme oft die Bewegung auf. Das ist extrem irritierend, wenn ich dopple. Wenn ich mich dann "eingepacet" habe, praktisch eingeschwungen in diese stereotype Bewegung, dann verordne ich die Bewegung, indem ich sage: "Nein, bleiben Sie bitte bei Ihrer Bewegung, das ist sehr beruhigend, bleiben Sie dabei, das ist sehr gut. Menschen, die sich beruhigen wollen, schaukeln häufig so - und ganz bewußt schaukeln und dabei tief Luft holen! Ja, ich merke wie Sie ganz schnell und ganz tief atmen, und atmen Sie ganz bewußt ganz schnell und ganz tief!" Die Patientin atmet natürlich ganz schnell und ganz oberflächlich, aber ich sage: "Sie atmen ganz schnell und ganz tief und immer schneller und tiefer atmen", besonders tiefer atmen, das geht natürlich nicht. Und dann komme ich langsam in Beziehung und in Kontakt und hole sie raus.

Herausholen können wir mit diesen Dissoziationsstopptechniken diejenigen, die das wollen. Wenn eine Patientin damit einen Machtkampf macht, dann gewinnt die den immer, dann können Sie nur noch zusehen, daß sie nicht die anderen zu sehr triggert.

Auf der Station waren anfangs 11 Frauen, jetzt sind es 18 Frauen, die selbstverletzendes Verhalten zeigen, alle mit komplexen chronifizierten posttraumatischen Belastungsstörungen, nicht alle mit Zustand nach Mißbrauch. Wir haben auch eine Patientin mit Kiefer-Gaumen-Spalte gehabt, die als Kind viele Schmerzen hatte, acht OPs mitmachte und dadurch ein ganz gestörtes Körperempfinden entwickelt hat. Die Gleichung "Selbstverletzung gleich Mißbrauch", diese Gleichung ist zu einfach; natürlich spielt Mißbrauch oft (ca.2/3) eine Rolle, aber immer muß diese Gleichung nicht stimmen.

Teil 1 der Behandlung, ist eine jeweils 14tägige Stabilisierungsphase, in der diese Stabilisierungsübungen schon mal mitgegeben werden, und in der wir überprüfen, ob die Patientin überhaupt eine dissoziative Störung hat. Es gibt ja auch selbstverletzende Verhaltensweisen bei schweren Depressionen oder bei schwerer Entwicklungspathologie, und da ist das Vorgehen nicht gut. Das trifft etwa bei einem Viertel der Patientinnen zu, denen wir dann sagen, daß es keinen Zweck hat. Oder suchtmittelabhängigen Patientinnen sagen wir: "Wissen Sie, Ihre Suchtproblematik ist so sehr im Vordergrund, daß wir damit nicht gut arbeiten können."

Im norddeutschen Raum verweisen wir dann in eine Suchteinrichtung nur für Frauen bei uns in der Nähe, hier habe ich im Prospekt gelesen, daß es reine Frauengruppen gibt und das ist hilfreich. Warum nur Frauen? Einfach deshalb, weil dann ein Großteil der Trigger wegfällt: nämlich Männer. Als Oberarzt bin ich präsent, wir haben auch einen Pfleger, das ist von denen auch so akzeptiert, aber ansonsten ist das bei uns eine ziemlich männerfreie Zone, und das ist auch zu merken: Wenn ich durch die Station gehe, dann verändern viele Frauen spontan ihre Körperhaltung. Das merken die selber wahrscheinlich gar nicht. Wenn kein Mann da ist, dann verhalten sie sich anders.

Als männlicher Therapeut, wie es mir damit geht? Gut, die Auseinandersetzung mit den potentiellen Täterseiten, das hat Herr Biermann ja schon gesagt, ist etwas, was so in den letzten 4 bis 5 Jahren ziemlich wichtig war. Es ist auch so, daß es wenig Patientinnen gibt, die von mir in Einzeltherapie behandelt werden möchten, aber ein paar wenige gibt es. Die fühlen sich von dem Täter - zu 90 % sind Männer die Täter - paradoxerweise ja manchmal noch besser verstanden als von der sie nicht schützenden Mutterinstanz; darüber muß man reden, aber die wollen von einem Mann behandelt werden, und das ist dann auch möglich. Aber von den 18 Patientinnen bei uns behandle ich auch auf Grund meiner Funktion im allgemeinen höchstens zwei. Die anderen Patientinnen werden von Therapeutinnen behandelt.

Wenn die Patientinnen nach den 14 Tagen Diagnostik stabilisiert sind, gehen sie nochmal ein paar Wochen nach Hause, bis ein Therapieplatz frei wird, und dann kommen sie für vier Monate zur Traumaexposition.

Die Traumaexposition ist an sich technisch simpel, möchte ich fast sagen: Alle 14 Tage bis drei Wochen, manchmal jede Woche, findet eine Traumaexposition statt, aber mit einer bestimmten Technik. Diese Traumaexposition hat einmal zum Ziel, eine Synthese herzustellen; Wort, Bild, Affekt und Körpersensation sollen wieder gestaltähnlich ganzhaft erlebt werden. Zum andern soll die Dissoziation, die Aufspaltung, die im Trauma überlebensnotwendig war, aufgehoben werden, sie soll rückgängig gemacht werden und zwar so, daß die Patientin das aushält.

Es kommt nicht darauf an, daß möglichst viel passiert, möglichst viel Abreaktion, möglichst viel Ausrasten, möglichst viel Kontrollverlust geschieht, sondern, daß die Szene ablaufen kann mit begleitenden Gefühlen, mit begleitenden Körpersensationen und Bildern und zwar in einer Form, daß die Patientin das noch gerade eben aushalten kann. Das ist die Schwierigkeit. Die Schwierigkeit besteht darin, daß natürlich auf der einen Seite des Poles die Berichte stehen, die Sie auch alle kennen: Da kann jemand über alle Scheußlichkeiten seines Lebens völlig affektisoliert reden und erzählen, Ihnen wird immer mulmiger, weil Sie die dazukommenden Affekte irgendwie spüren, oder aber jemand ist so in seinen Affekten drin, daß er kein Wort mehr heraus bekommt. Die verschiedenen Traumaexpositionstechniken versuchen, diese Situation so herbei zu führen, daß es zu einer Synthese kommt.

Eine Methode, die aus der Hypnotherapie kommt, ist eine Technik, die so ähnlich ist wie die Rücklauftechnik, nämlich die Bildschirmtechnik: Da sitzt man zusammen vor einem imaginären Bildschirm, läßt die traumatische Szene ablaufen, sieht den Kinofilm und drückt auf Standbild: Betrachten und beschreiben und Abstand herstellen und fühlen und Gefühle zulassen und wieder auf Abstand gehen und mal abschalten und wieder einschalten und weiterlaufen lassen, ganz langsam. Manchmal wird richtig in Zeitlupentempo versucht, die traumatische Erfahrung bildlich darzustellen, die Gefühle zuzulassen, wieder ins Bild zu gehen und Assoziation, Antiszene und Dissoziation gesteuert einzusetzen, um das Ganze erlebbar zu machen. Das ist eine hochwirksame Technik, die Ihnen aber sehr nahe geht als TherapeutIn, und zwar deshalb, weil die ganzen Affekte dicht im Raum stehen. Das ist also sehr belastend, aber sehr wirksam.

Das ist die Technik, mit der überwiegend im Zentrum für Folteropfer in Berlin gearbeitet wird. Ein sehr Prominenter hat ganz offenkundig mit dieser Technik auch gearbeitet, nämlich Reemtsma; einige von Ihnen kennen vielleicht sein Buch "Im Keller". Reemtsma hat in Abgrenzung von und Annäherung an seine Erfahrung als Geisel offenkundig die Bildschirmtechnik mit angewendet, um sich das Ganze genau zu betrachten, aber trotzdem Abstand herzustellen. Er spricht von "dem da" im Keller und von sich selbst als jemand, der davor und danach war, um das traumatische Ereignis integrieren zu können, aber nicht das Trauma sein ganzes Leben verändern zu lassen; das ist ein Beispiel für Bildschirmtechnik.

Eine weitere Methode kommt aus der Verhaltenstherapie und stellt eine neue Art von Reizüberflutung dar. Dabei läßt man das Ereignis wieder und wieder ablaufen, bis man sich sozusagen habituiert hat, bis man sich daran gewöhnt hat. Auch das dosiert, auch das so, daß man nicht dekompensiert, daß man nicht ausrastet, daß man es gerade noch ertragen kann.

Es geht immer darum zu integrieren, die Zeit der Katharsis, des Loswerdens durch rauslassen, diese Zeit ist Geschichte. Es geht vielmehr darum, daß man seiner Geschichte gewachsen ist; man wird traumatische Erfahrungen nicht los. Traumaexposition ist dann erfolgreich gewesen, wenn aus einer Intrusion und einem Flash-back eine Erinnerung geworden ist. Dann hat diese Technik ihr Ziel erreicht, mehr ist damit nicht erreichbar. Es wird auch nachher bei den Therapieergebnissen deutlich, daß keine Psychotherapie erreichen kann, daß alles wieder in Ordnung ist. Vielmehr geht es nur darum, aus den Intrusionen und Flash-backs Erinnerungen zu machen, Erinnerungen, an die man sich gefühlshaft erinnern kann ohne auszurasten, ohne sich betrinken zu müssen, ohne irgendwelche Drogen nehmen zu müssen, über die man mit einem Therapeuten oder sehr nahen Angehörigen vertraulich sprechen kann, wo man vielleicht etwas weint, wo man dann tief Luft holt, auf den Balkon geht und sagt: "So, die Gegenwart geht weiter". Das ist das Ziel der Therapie.

Die dritte Technik ist so ziemlich das unseriöseste, was man sich vorstellen kann, das ist nämlich EMDR: Eye-Movement-Desensitization and Reprocessing (Augenbewegung - Desensibilisierung und Neuverarbeitung). Ich arbeite fast nur noch mit dieser Technik. Das ist eine Technik, die Francine Ende der 80er Jahre durch Zufall entdeckt hat. Shapiro schreibt selber, daß sie damals in Schwierigkeiten war. Sie hatte eine Krebskrankheit überlebt, hat sich in dieser Zeit mit Psychologie und Copingsstrategien und ähnlichem beschäftigt, ist Psychologin geworden, und eines Tages hatte sie irgendwie Beziehungsstreß oder Sorgen und ging durch den Park, setzte sich auf eine Bank und merkte plötzlich, daß es ihr besser ging. Der Kopf war freier, und sie fragte sich: "Wie kommt das denn?" Das ist nun eine der wesentlichsten Fragen überhaupt: "Warum geht es mir eigentlich gut?" Die meisten Menschen überlegen sich ja nur, warum es ihnen schlecht geht; und wenn es ihnen gut geht, denken sie nicht groß darüber nach, das ist sicher unfunktional. Die Frage: "Warum geht es mir eigentlich gut?" ist oft sehr viel hilfreicher als das ständige Grübeln, warum es mir nun schlecht geht und welche Ursachen in der Ehe meiner Großeltern dafür zuständig sind, daß ich heute das Wetter irgendwie nicht toll finde. Shapiro fragte sich also: "Warum geht es mir eigentlich gut?" und sie stellte dann fest, daß sie vorher die Augen schnell hin und her bewegt hatte. Das tat ihr gut, der Kopf wurde dadurch freier.

Was genau macht man? Man fordert die Patientin auf, erst mal das Bild herzustellen: Die Zebrastreifen, die genaue Situation: "Was war da besonders belastend für Sie?" "Ja eigentlich gar nicht, daß ich angefahren wurde, sondern daß das so lange dauerte, bis der Notarztwagen kam." "Aha, was sehen Sie da für ein Bild?" "Ja ich lieg' da auf dem Boden und warte und warte und warte und der kommt nicht." "Gut, was gibt es in Ihrem Inneren, Verhaltenstherapeuten sagen: für negative Kognitionen, Psychoanalytiker: für Über-Ich-Anteile, was gibt es in Ihnen so an kritischen Stimmen oder an Stimmen, die Sie verurteilen? Manche denken, da bin ich ja selber schuld, oder ich bin doch ein Döspaddel oder geschieht mir recht oder der arme Autofahrer, jetzt bin ich der Anlaß gewesen, daß er sich Schuldgefühle macht. Bin ja selber schuld, hätte ja aufpaßen können." Ich frage dann weiter: "Was für ein positiver Gedanken würde zu der Situation gehören, wenn Sie vernünftig darüber reden?" "Ja, das war sein Fehler, ich habe schon aufgepasst, der ist viel zu schnell gefahren und war wohl in Gedanken ganz woanders, und mit mir, das ist in Ordnung, also ich habe richtig gehandelt." In einem positiven Gedanken kommt kein "nicht" vor, das Gehirn denkt nicht "nicht"; das klassische Beispiel ist, wenn ich Sie bitte, in der Mittagspause nicht an einen lila Elefanten zu denken, denken Sie bitte nicht an einen lila Elefanten, denken Sie nicht an einen lila Elefanten, also das geht nicht. Deshalb müssen die Formulierungen so sein, daß sie kein "nicht" enthalten, sondern nur positive Kognition.

"Welcher Affekt ist dabei? Was fühlen Sie?" "Todesangst, Panik." "Wie stark ist dieses Gefühl? 10 wäre unerträglich, 0 wäre: macht mir nichts aus?" "Ja ist so bei 8 zur Zeit." "Wo spüren Sie den Affekt im Körper?" Es ist immer besonders wichtig, die Affekte mit den Körpersensationen zu verbinden. "Ja, das ist so ein Druck im Bauch und im Hals, das spür' ich ganz gut." "Gehen Sie in die Situation hinein, stellen Sie sich das Bild vor, lassen Sie den Gedanken zu: Selber schuld! Spüren Sie die Todesangst und spüren Sie ihre Körpergefühle und schauen Sie auf meine Hand!" Dann bewege ich die Hand hin und her, und die PatientInnen bewegen die Augen hin und her, 24 mal, 25 mal, dann bekommt man auch so ein Gefühl dafür, wann der Blick anfängt zu flackern, wann es ruckelt, wann es hakt, wann es nicht mehr so flüssig geht und dann. "Gut, Augen zu, tief Luft holen, Bild zurücktreten lassen, wieder Augen aufmachen, was passiert?"

Dann laufen in der Patientin traumähnliche, schwer vorhersagbare Prozesse ab, mit denen ich nie gerechnet hätte. Nach mehreren Sets nach diesem Muster sind die Leute im allgemeinen bei etwas gelandet, was die Sache gut macht: "Also ich seh' jetzt einfach nur noch mich als kleinen Jungen auf einem Dreirad immer die Straße auf und ab fahren und fühle mich ganz toll dabei." "Bleiben Sie dabei", das verstärke ich noch einmal mit Augenbewegungen, "und gehen Sie jetzt noch einmal zurück in die Szene, wie hat sich das verändert?" "Ja, irgendwie ist das Bild blasser geworden, die Todesangst ist nur noch beim Wert 5, die spür' ich nicht mehr im Bauch, sondern mehr so im Hals."

Nach einer erneuten Sequenz, in der ich das Ganze durcharbeite, ist es im allgemeinen so, daß bei Monotraumata oft schon in zwei, drei Sitzungen die Symptomatik sehr zurückgegangen und fast weg ist. Ich habe eine Patientin behandelt, die hatte einen Tumor im Bereich der Nackenwirbelsäule, war operiert worden und hatte hinterher aufgrund des Ödems einen hohen Querschnitt, wußte nicht, ob sie wieder sich bewegen konnte; hat sich wieder stabilisiert, ist nach draußen gekommen, hat gut weiter gelebt, mußte jetzt wieder in die Klinik, weil sie ein Rezidiv hat und die hatte eine solche Angst vor der Situation des Querschnittes, daß Sie nicht in die Klinik gehen konnte, um sich operieren zu lassen. Dann hätte sie aber natürlich erst recht einen hohen Querschnitt bekommen oder wäre an ihrem Tumor gestorben; das bedeutete, sie mußte in die Klinik. Bei dieser Frau hat eine Sitzung ausgereicht, um diesen Zustand der völligen Hilflosigkeit durchzuarbeiten, durchzuprozessieren, so daß sie in die Klinik gehen konnte und jetzt weiterstudiert.

Bei solchen Monotraumata reicht oft eine Sitzung. Bei den vielfach Traumatisierten müssen Sie sich auf einen Prozeß einstellen, der länger dauert. Es sind ja mehrere Traumatisierungen, und wir machen im Durchschnitt so 10 Traumasitzungen in dieser Zeit. Man muß richtig eine Karte aufstellen, mit den frühen Traumatisierungen beginnen, weiterschreiten zu den späteren. Da ist es auch nicht so, daß hinterher alles wieder gut ist. Oft ist es so, daß die Patientinnen hinterher Intrusionen an andere Erfahrungen haben, daß sich die Bilder zwar verändert haben, daß dafür aber neue Bilder kommen.

Dieses Verfahren ist alles andere als indifferent. Das sage ich den Patienten auch vorher; denn durch die Traumaarbeit, gerade mit EMDR, sind Amnesien oft schlagartig aufgehoben: Sachen, die über Jahre und Jahrzehnte nicht erinnert wurden, stehen plötzlich ganz kalt vor Augen, ganze Lebensabschnitte zwischen 8 und 12 sind plötzlich da, und das ist dann nicht mehr rückgängig zu machen! Es kann sein, daß die Aufteilung der Familienmitglieder: "Mutter hat nichts gewußt" oder: "Oma war immer eine sichere Zuflucht", daß die plötzlich weg ist, weil der Patientin Bilder vor Augen stehen, daß die Mutter sich das Ganze ansieht und eine Weinflasche in der Hand hat und eine Zigarette raucht und dreckig lacht.

Diese Bilder müssen nicht wahr sein! Was in Traumaexpositionen hoch kommt, ist nicht immer wahr im juristischen Sinne! Es ist bis heute nicht klar auseinander zu halten, was nun reale Erinnerungen sind und was Verarbeitung, das macht die juristische Arbeit sehr schwer. Wenn Sie verstanden haben, daß Traumaarbeit immer das Verträumen von traumatischen Erfahrungen beinhaltet, dann können Sie sich denken, daß es gut ist, wenn jemand die traumatische Szene verändert, daß es dafür aber die Gerichtsaussage schwächt. Also: Was in Traumaarbeit hochkommt, ist seelisch richtig, und viele Patienten haben auch ein gutes Gespür, was wohl so gewesen ist und wo sie vielleicht besser etwas mißtrauisch sind, was vielleicht eine Traumverarbeitung ist. Aber es kann den Blick radikal und schnell verändern.

Diese Bilder müssen nicht wahr sein! Was in Traumaexpositionen hoch kommt, ist nicht immer wahr im juristischen Sinne! Es ist bis heute nicht klar auseinander zu halten, was nun reale Erinnerungen sind und was Verarbeitung, das macht die juristische Arbeit sehr schwer. Wenn Sie verstanden haben, daß Traumaarbeit immer das Verträumen von traumatischen Erfahrungen beinhaltet, dann können Sie sich denken, daß es gut ist, wenn jemand die traumatische Szene verändert, daß es dafür aber die Gerichtsaussage schwächt. Also: Was in Traumaarbeit hochkommt, ist seelisch richtig, und viele Patienten haben auch ein gutes Gespür, was wohl so gewesen ist und wo sie vielleicht besser etwas mißtrauisch sind, was vielleicht eine Traumverarbeitung ist. Aber es kann den Blick radikal und schnell verändern.

Wir haben jetzt noch 5 Minuten zu Fragen zum therapeutischen Vorgehen:

Die Behandlung ist, wie gesagt sehr simpel, das beinhaltet aber auch, daß das, was wir auf Station machen, keine abgeschlossene Psychotherapie ist. Wenn jemand sagt: "Ja, ich habe aber auch noch so viel Schwierigkeiten mit meinem Schulden.", dann hat die Sozialarbeiterin die Aufgabe, die Schuldnerberatung am Wohnort ausfindig zu machen und mit der Patientin irgendeinen Modus zu finden, so daß die äußere Realität sie nicht dabei stört, ihre Traumata aufzuarbeiten. Das ist eine Überforderung: Nach außen die Abwehr hoch zu fahren und gleichzeitig nach innen die Abwehr runter zu fahren, das widerspricht sich. Ich kann nicht mit einer Patientin Montag eine Traumexposition, machen und Dienstag oder Donnerstag hat die ein Vorstellungsgespräch, das geht nicht.

Die ambulante Arbeit, wie sie von Frau Huber beispielsweise bei sehr stark traumatisierten Dissoziativen durchgeführt wird, und die Traumaexpositionsarbeit, wie ich sie hier dargestellt habe, ist ambulant gut durchführbar und machbar, wenn Sie es schaffen, so etwas ähnliches wie eine häusliche Station nach der Traumaexposition herzustellen, daran hängt alles. Das bedeutet: Die Traumaexpositionen liegen günstigerweise am Nachmittag, man braucht meistens 1 Stunden, und wenn der Prozeß nicht so richtig abgeschlossen werden kann, dann muß man meistens noch Zeit anhängen. Man kann dann nicht sagen: "Also jetzt ist unsere Zeit zu Ende und egal wie es Ihnen geht, wir können dann in drei Wochen weiterarbeiten, ich mache gerade Urlaub." Der Prozeß muß abgeschlossen sein. Die Patientin kann anschließend auch nicht alleine Auto fahren. Die Patientinnen sind hinterher an der Grenze zur Bettlägrigkeit, die liegen oft im Bett und sind vergrippt und krank. Sie können den Zustand einer Patientin nach Traumaexpositionen sehr gut vergleichen mit dem Zustand einer Patientin mitten im Entzug, das ist ganz ähnlich: dünnhäutig, reizbar, latent aggressiv, grübeln, alle Gedanken gehen durcheinander. Es muß zu Hause ein bestimmtes Ambiente sein: vielleicht kann die Patientin bei einer Freundin übernachten, die sie unterstützt und die ein bißchen betüdelt, Tee kocht, irgendwelche Videos sehen, die ablenken, spazieren gehen, Beine hochlegen. Es geht nicht, daß eine Mutter von zwei Kindern Traumaexposition macht und abends dann die Kinder versorgt, die sowieso schon aufgeregt sind. Ansonsten ist das gut ambulant durchführbar.

Das alles herzustellen ist aber oft gar nicht so einfach; denn Menschen mit posttraumatischen Zuständen tendieren dazu, in ihren Beziehungen die Traumatisierungen zu wiederholen, und deshalb erfordert das oft viel Arbeit. Aber ansonsten sind diese Vorgehensweisen auch ambulant durchführbar; in den USA werden sie sowieso nur ambulant durchgeführt, was ich an der Grenze des Vertretbaren ansehen; aber das amerikanische Gesundheitssystem ist sowieso nicht vorbildlich.

Die Frage der salutogenetischen Faktoren ist natürlich in der Prävention und in der Behandlung ausgesprochen wichtig. Ich kann allgemein etwas zu salutogenetischen Faktoren bei Traumatisierungen sagen. Das eine ist die Frage, ob man in der Zeit danach nahe Bezugspersonen hat, also eine Gruppe, die einen auffängt, in der dieses drüber Reden, sich Ablenken, sich sicher Fühlen, träumen Können möglich ist. Zum zweiten ist es natürlich so, daß Menschen, die im Leben an sich relativ sicher sind, davon nicht so aus der Bahn geworfen werden, aber hier muß man auch unterscheiden: Es gibt eine Untersuchung bei älteren Menschen, die eine lebensbedrohliche Erkrankung bekamen. Unter ihnen gab es zwei Gruppen, die besonders verletzlich waren: Einmal die sogenannten Verwöhnten, die noch nie im Leben so richtig mal in Lebensgefahr waren oder denen es wirklich auch mal wirklich schlecht ging und eine zweite Gruppe, die hingegen wieder zu viel von diesen Dingen erlebt hatten. Diese beiden Gruppen waren am verletzlichsten, also diejenigen, für die eigentlich Lebensgefahr und Trauma gar nicht vorkommt, die das in ihrem inneren Schema gar nicht so haben, und diejenigen, für die das ganze Leben ein einziges Trauma ist. Diese beiden Gruppen sind am verletzlichsten.

Der wichtigste salutogenetische Faktor ist Religiösität im weitesten Sinne, d. h. Menschen, die -egal was passiert- einen Lebenssinn aufrechterhalten können, werden mit Traumata viel besser fertig als Menschen, die kein Konzept haben für Traumatisierung. Das ist z.B. der Fall gewesen in den Konzentrationslagern: Diejenigen, die als Zeugen Jehovas oder als Christen interniert waren oder auch aus politischen Gründen und für die dieser Aufenthalt irgendeinen Sinn machte, die untergebracht waren, weil sie Feinde und Gegner des Systems waren, diese Menschen haben diese Situation viel besser verkraftet und überstanden als Menschen, die plötzlich verfehmt und Außenseiter waren, völlig willkürlich, und für die diese Situation einfach der reine Terror war. Menschen, die irgendein Konzept haben, ein seelisches Konzept, bei dem Sinnfragen gestellt werden können und das ihnen dann eine aktive Sinngebung in Bezug auf ein schlimmes Ereignis ermöglicht, die haben es im allgemeinen leichter, das zu integrieren.

Ergebnisse

Ich bin gefragt worden, wo denn genau der Unterschied zwischen der Kernberg'schen Position bzw. der üblichen psychoanalytischen Position und dem liegt, was ich hier dargestellt habe.Ich gehe erstmal darauf ein, weil das auch eine Kontroverse über den Wert der therapeutischen Beziehung und die Art der therapeutischen Beziehung ist. Psychoanalytisch orientierte Traumatherapeuten vertreten die Auffassung, daß das, was ich auf der imaginären Ebene ablaufen lassen will, daß das in die therapeutische Beziehung gehört. Die psychoanalytische Vorgehensweise hat sich ja so entwickelt, daß Sigmund Freud durch die Talking-Cure, die Rede-Kur die Übertragung entdeckte, und dann eine Möglichkeit fand, daß sich Symptome in Beziehungsstörungen verwandeln. Der beziehungszentrierte psychoanalytische Weg besteht darin, daß sich bei einem Menschen mit Symptomen, der zum Therapeuten kommt, durch die spezifische Art des therapeutischen Vorgehens die Symptomatik in eine Beziehungsstörung zum Therapeuten verwandelt, und diese Beziehungsstörung wird dann vernünftig betrachtet. Durch die Deutung und durch die Aufhebung der Beziehungsstörung, die sich wiederholt hat, nehmen die Symptome ab und geben sich anschließend. Das ist der Weg der Neurosenbehandlung in der Psychoanalyse, und dieser Weg ist erfolgreich.

Das hat dazu geführt, daß die Psychoanalyse versucht hat, nicht nur Neurosen so zu behandeln, sondern auch andere Störungen (Das ist für Sie in diesem Feld wahrscheinlich kein solches theoretisches Problem, weil sehr wenige Suchttherapeuten vertreten, die Sucht muß in der therapeutischen Beziehung zur süchtigen Beziehung werden, um dann aufgelöst zu werden.). Man hat das versucht bei psychosomatischen Störungen, man hat das versucht bei psychiatrischen Störungen (die Übertragungspsychose, die allergische Objektbeziehung, die süchtige Objektbeziehung), und es hat sich gezeigt, daß bei Störungsbildern, die nicht Neurosen sind, die Wirksamkeit dieses Vorgehens begrenzt ist. Darum ist das etwas, was wahrscheinlich für viele von Ihnen gar nicht so ein Problem ist, weil Sie nicht versuchen, die Sucht in die Beziehung zu holen, weil Sie nicht versuchen, die Beziehung anzubieten, damit sich Süchtigkeit innerhalb der therapeutischen Beziehung entwickelt.

Das ist nach meiner Überzeugung etwas, was für die posttraumatische Störung auch gilt. Meine Überzeugung ist: Die traumatische Beziehung sollte sich nicht in der therapeutischen Beziehung wiederholen. Und das therapeutische Vorgehen ist ganz darauf abgestimmt, diese Vorgehensweise zu verhindern. Das bedeutet: Letzte Woche, eine Patientin sitzt mir gegenüber: "Ja, nächste Woche sind Sie wieder weg, da hab' ich wieder nichts von Ihnen, ich fühl' mich wieder genauso allein gelassen und sitzen gelassen und mitten in den größten Schwierigkeiten, wie ich das schon immer kenne." Meine Antwort in freundlichem Ton: "Frau Sowieso, ich bin nicht dazu da, daß ich das abkriege, was mit Ihrer Kindheit zu tun hat. Sie wußten von vornherein, wie meine Termingestaltung in den nächsten Wochen aussieht. Sie haben gesagt, Sie wollen zu mir in Behandlung kommen, und wir arbeiten zusammen. Ich bin nicht Ihre Mutti und ich bin auch nicht Ihr Vater, und es stimmt, daß Sie als Kind viel zu viel allein gelassen wurden. Aber wir haben dann Termine und dann Termine, die Arbeit geht weiter. Das sind Gefühle, die durch die Traumatherapie mobilisiert, getriggert worden sind, und um die Sie sich in der inneren Arbeit mit Ihrem inneren Kind kümmern müssen, aber bitte handeln Sie die nicht an meiner Person ab." Oder eine Patientin meint: "Ich bin so schlecht behandelt worden, jetzt muß ich mal meine ganze Wut raus lassen." Klare Antwort: "Bitte nicht hier auf Station. Die Mitpatientinnen und auch wir sind nicht dazu da, daß Sie an denen das auslassen, was Ihnen in der Kindheit angetan wurde und da praktisch an fremden Leuten Rache nehmen. Das ist nicht unsere Strategie, das ist nicht unsere Vorgehensweise. Wir können darüber gerne sprechen, wie Sie das innerlich bewältigen, da gibt es die Therapievorgehensweise der Arbeit mit dem inneren Kind."

Wir arbeiten sehr viel mit imaginativen Strategien. Wir legen keinen Wert darauf, daß Wiedergutmachung, Rache, Aggression archaischer Art, Täter- Opferkonstellationen, Re-Traumatisierungen in der Therapie geschehen. Die geschehen selbstverständlich, natürlich gibt es Übertragungen, natürlich gibt es Wahrnehmungsverzerrung, aber so bald wir das bemerken, weisen wir freundlich, aber bestimmt darauf hin, daß das in die nächste Traumasitzung gehört und nicht in die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir haben auf Station keine konfliktzentrierte Gruppe. Das sind Einzeltherapien, die laufen. Als Gruppen haben wir Qui-Gong, haben wir Tagesausklang mit Imaginationen und so was, aber wir haben keine konfliktzentrierte Gruppe.

Wir haben auch nicht das Ziel, daß sich die Probleme an uns inszenieren und an uns wiederholen, das ist nicht unsere therapeutische Strategie. Das erwünschte Stationsklima ist so ein bißchen Schweizer Sanatorium. Das haben wir gerne. Leute spielen Mühle, sehen fern, buddeln im Garten mal wieder zum fünften Mal irgendein Blumenbeet um, es wird überlegt, welches Video man heute abend zusammen guckt, einige gehen in die Stadt.

Das ist die erwünschte Atmosphäre, und wenn mir eine Patientin sagt: "Meine Mitpatientin erinnert mich so sehr an meine Schwester.", dann sagen wir: "Das ist nicht Ihre Schwester, aber gut, daß Sie es sagen. Ist das denn so störend, so behindernd, daß Sie das daran hindert, das zu tun, weshalb Sie hergekommen sind, nämlich Ihre früheren Erfahrungen aufzuarbeiten?"

Das schließt an die Frage an, die Sie mir beim Mittagessen gestellt haben. Wie ist das denn hinterher mit üblicher Psychotherapie? Brauchen einige hinterher übliche Psychotherapie? Meine Antwort war: "Alle". Alle brauchen hinterher eine psychotherapeutische Behandlung irgendeiner etablierten Art. Eine gute kognitive Verhaltenstherapie oder eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, auch mit katathymem Bilderleben oder Psychodrama oder Gestalt. Schwer Traumatisierten empfehle ich keine Analyse.

Im Anschluß an eine erfolgreiche Traumabehandlung sind die PatientInnen im allgemeinen in der Lage, mit üblicher Psychotherapie besser umzugehen und mit ihr arbeiten zu können. Wenn Sie einen Patienten haben, der noch getriggert werden kann, dann brauchen Sie bloß die falsche Krawatte zu tragen, zur falschen Zeit Urlaub zu machen oder sich zu erkälten, und er wird suizidal. Das ist etwas, was möglichst nicht mehr passieren soll, nämlich daß ein Patient durch jede Kleinigkeit, eine Veränderung des Therapeuten oder der Therapeutin getriggert werden kann und in völlig unrealistische Zustände rutscht. Dann würde ich sagen: da ist irgendeine Information noch nicht soweit integriert, wie es erforderlich ist für die üblichen therapeutischen Vorgehensweisen. Alle brauchen hinterher ambulante Psychotherapie, um ihre Beziehungsstörungen, ihre aggressiven Hemmungen, ihre Schwierigkeiten im sozialen Leben und so etwas aufzuarbeiten. Die Traumatherapie ist eine Vorbereitung für eine übliche Therapie.

Traumatherapie ist etwas für Patientinnen, die relativ gut wissen, daß sie traumatisiert worden sind, wenigstens in Umrissen, nicht aber für diejenigen, bei denen der Therapeut nicht weiterkommt und sagt: "Naja, da muß doch was mit einem Trauma sein."

Man kann insgesamt sagen, es bewegt sich was, und das ist auch statistisch signifikant. Was ganz schön ist, daß sich die Symptombelastung verbessert: In der Symptomcheckliste, der SCL- 90-R, zeigt sich überall eine Verbesserung der Symptome schon bei der Entlassung. Besonders zwischenmenschlich sind diese PatientInnen etwas dickfälliger, die Depressionen werden weniger, ebenso paranoide Vorstellungen und Psychotizismus, also das, was ich heute natürlich lieber als Dissoziativität sehen würde, all das wird deutlich weniger, auch der Gesamtscore nimmt ab. Das ist ein klares Ergebnis und das, wie gesagt, bei einer Gruppe, die sehr hoch belastet ist! Da sieht man deutlich, daß die Symptombelastung sehr ausgeprägt ist. Beim Borderline-Persönlichkeitsinventar BPI zeigt sich, daß es sich phänomenologisch tatsächlich um Boderline-Persönlichkeitsstörungen handelt. Der Cut - 20 wird eigentlich von allen bei uns überschritten. Es sind von der Phänomenologie her Borderline-Patientinnen, die wir behandeln, und auch hier zeigt sich, daß wir die primitiven Abwehrmechanismen, die primitive Idealisierung oder die primitve Abwertung, nach Innen verlagern können und nicht mehr im zwischenmenschlichen Bereich haben. Es zeigt sich, daß sich dort Veränderungen ergeben.

Andere Veränderungen ergeben sich nicht so schnell. Angst vor Nähe z. B.: Die Patientinnen sind dann nicht plötzlich Leute, die nichts lieber haben, als daß man sie alle Nase lang kräftig in den Arm nimmt, sondern die anderen Parameter bleiben länger erhalten. Oft sind noch kurze Kriseninterventionen erforderlich. Wir haben auch ca. 20% Patientinnen, denen wir nicht haben helfen können, die hinterher weiter zwischen Psychiatrie-Notaufnahme, mittelfristigen Behandlungen und draußen hin und her gependelt sind. Daß hinterher keine stationäre Behandlung mehr nötig ist, das erreichen wir bei etwa 2/3 unserer Patientinnen.

Das ist für eine Gruppe von schwergestörten sogenannten " Borderline-Patientinnen" nicht schlecht.

 

 

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Author's adresses:

Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Facharzt für Psychotherapeutische Medizin
Psychoanalyse
Honorarprofessor der Universität Kassel


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